Montag, November 09, 2009

alles nur geschäft


Ja, ich weiß. In diesem Jahr gibt es in den Geschäften und Supermärkten seit Oktober Weihnachtsartikel.
Ich weiß das, klar?
Ja, es ist unangebracht Und es nervt mich.
Aber weißt du, was mich noch mehr nervt?
Du weißt es nicht?
Du ! Du nervst mich !
Jedes Jahr sagst du mir immer dasselbe.
Ich höre jedes Jahr denselben Satz von dir:

Mein Gott, so früh das Weihnachtszeug in den Geschäften. Ist ja nur mehr Geschäft, das Weihnachten heutztutage. Ist das nicht ein Wahnsinn?


Hör zu, ich hab selber Augen und ich sehe das und es ist nicht notwendig, dass du mich immer wieder daran erinnerst.

Und im Einkaufscenter ham’s jetzt schon den großen Christbaum aufgestellt. Eine Sünde! Obszön ist das.


Nein, das ist nicht obszön, meine Liebe. So ist es halt. Wir leben in einer Konsumgesellschaft und darum ist das so, verstehst?
Weißt du, was obszön wäre? Wenn statt der Christbaumkugeln Dildos und Vibratoren am Baum hängen würden und andere Sexartikel.
Das wär obszön!
Und sag mir mal, warum hast du die Wunderkerzen und das Lametta gekauft? Sag mir mal, warum?

Ich nehm's eh noch nicht her. Ich hab gestern nur ein kleines, goldenes Kerzerl angezündet. Es war so dunkel und grau gestern nachmittag. Und so a bisserl Weihnachtsgefühl bei dem Sauwetter ist nett.


Nein, du brauchst kein Weihnachtsfeeling.
Wir haben Anfang November und Weihnachtsfeeling ist nun nicht angebracht, meine Liebe.
Und es dauert noch einige Wochen, bis wir Weihnachten haben.
Und bis dahin kann viel passieren.
Es kann sein, dass deine Wohnung ausbrennt, weil du vergessen hast, die Kerze auszulöschen.
Es kann aber auch sein, dass du im Krankenhaus liegst, weil dir im Einkaufscenter der große Christbaum auf den Kopf gefallen ist.
Noch was.
Ich würd an deiner Stelle schnell heimgehen und in Zukunft die Geschäfte meiden. Die Schweinegrippe geht um. Sonst erlebst du den vierundzwanzigsten womöglich nicht.

Dann werd ich heut noch a bissl Weihrauch auf den Herd stellen. Das desinfiziert.

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Samstag, November 07, 2009

dadat und warad


Emmi und Mali kehren das Stiegenhaus der Schule:

Er is jo hiaz a da Pension, Emmi, gö? Wia tuat’s enk oft?

(Dein Mann ist ja nun in der Pension, nicht wahr, Emmi? Wie geht es euch denn?)


Jo tuat schon, Mali. Muass jo toa. Da meinige hout jo a guade Pension. Es warad scho sche, wonn’s so bleib’m dadat wia hiaz.


(Es geht schon, Mali. Es muss ja gehen. Mein Mann hat eine gute Pension. Es wäre schön, wenn es so bleiben würde wie jetzt)


Adiam kunnt’s da jo vageh, wonn’st hescht, wous so auf da Wöit possierscht. Wonn des woahr warad, wous ma so hescht an Fernsehn, donn warad des fia ins gou nit guat. I dadat donn mei Göid va da Bank aussanehma, wei dou warad jo gou nix mehr sicha.


(Manchmal könnte man verzweifeln, wenn man hört, was so passiert auf der Welt. Wenn das wahr wäre, was man im Fernsehen hört, dann wäre das gar nicht gut für uns. Ich würde mein Geld aus der Bank heraus nehmen, weil dann wär ja gar nichts mehr sicher)


Jo Mali, wonn des woahr warad, donn warad des a Malär. Owa du derfst nit ois glab'm wos’d an Fernsea siagst oda a da Zeiding liest. Dou dadast jo glei amoi vazougn.


(Ja, Mali, wenn das wahr wäre, dann wäre das ein Malheur. Aber du darfst nicht alles glauben, was du im Fernsehen hörst oder in der Zeitung liest. Da würdest du ja nur verzagt sein.)


So long ma gsund san, tuat’s oiwei no. Sougst nit a, Emmi?


(So lang wir gesund sind, passt es schon, nicht wahr, Emmi?)


Jo, ohne G'sundheit dadat ins gou nix meahr g'frei. Dou warad ois a Gfrett.


(Ja, ohne Gesundheit würde uns gar nichts mehr freuen. da wäre alles anstrengend.


An Dreck hout's heit wieda dou. Warad guat, wonn de G'schroppm eahn Dreick aomoi soiwa putzn dadatn.


(Wie schmutzig es heute wieder ist. Es wäre gut, wenn die Kinder den Dreck selber putzen würden)


Soug i a oiwei. Des dadat eana gou nit schoun.


(Sag ich auch immer. Das würde ihnen nicht schaden)

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Montag, November 02, 2009

manche dinge bleiben


Ich habe Verpflichtungen. Die muss ich einhalten. Sonst werde ich ausgestoßen. Aus der Familie.
Zu diesen Verpflichtungen gehört der alljährliche Friedhofbesuch zu Allerheiligen. Eigentlich klingt Allahheiligen wie der höchste Festtag der Moslems. Leider ist das nicht so. Allerheiligen ist der höchste Festtag der Christen. Der Christen unserer Familie jedenfalls.
Zu Ostern kräht kein Hahn, wenn ich nicht mit der Familie in die Kirche gehe. Wohl aber zu Allerheiligen. Alle Familienmitglieder würden krähen, gackern und mit den Flügeln um sich schlagen wenn ich nicht mit auf den Friedhof ginge.
Und so wanderten wir gestern mit tausenden anderen Friedhofgängern gen Friedhof, der nur einige Minuten von meinem Elternhaus entfernt ist. Mama und Papa rechts und links untergehakt.

Es ist warm, die Sonne scheint und Papa ist ausgerüstet wie für eine Nordpolexpedition. Flanellhemd, Winterjacke und Lodenhose. Mama trägt den Hut mit der Auerhahnfeder. Er wippt lustig auf und ab. Die Sonne scheint, es ist warm. Und fast bin ich guter Dinge. Fast.
Mei Bluatdruck is heit so weit herunt‘, jammert Mama.
Normalerweise jammert sie, weil er so weit oben ist.
Dann freu dich, Mama. Dann kannst heut ein Stück Kuchen essen.
Sie seufzt. Mama seufzt ständig.
Ich reiß mich zusammen und sage: Schön, das Wetter heute, nicht wahr? Und so warm.
Es wird glei koit, werst seg’n. Wonn d’Sunn weg ist, werd’s frisch. und donn wird dia koit mit dem dünnen Janka do.
Der dünne Janker ist eine gefütterte Lederjacke. Ich sage nichts. Früher habe ich immer was gesagt. Mit den Jahren hab ich gelernt, nichts zu sagen. Und das ist besser so.
Mia teilen ins heit auf, gell? Du gehst mit mir, und die Kinder mit’m Papa.
Die Kinder sind die Kinder meiner Schwester und aufteilen heißt: Die Hälfte der Familie zum Grab der Familie meines Vaters, die anderen zum Grab der Familie meiner Mutter.
Ich gehe mit Mama zum Grab. Der Kies knirscht. Obwohl der Friedhof voll Menschen ist, ist es mucksmäuschenstill. Nur die Blicke der Anwesenden wie stumme Pfeile. Ein beklemmendes Gefühl jedes Mal.
Onkel Hans ist schon da. Onkel Hans mag ich gerne. Er ist der jüngere Bruder meiner Mutter. Er ist siebzig und noch immer ein fescher Mann. Als er jung war, sah er aus wie ein Schauspieler - braungebrannt, groß, schlank mit schwarzem, lockigem Haar. Die Musik spielt Näher mein Gott zu dir, so wie jedes Jahr und der Pfarrer, der Weihrauch heißt, sagt das Übliche und zählt die Verstorbenen dieses Jahres auf.
Ich weiß, dass Mama immer mitzählt. Ich zähle nicht mit. Weil sie sagt mir nachher eh immer, wie viele gestorben sind. Und ich ärgere mich dann immer, dass ich mitgezählt habe. Wie kindisch! Dieses Mal sagt sie nichts. ich hätte doch mitzählen sollen.
Die Musikant'n hom neiche Hiat, sagt Mama. Schau, Amadea. Die Jungen do vuan.
Für mich sehen alle Hüte gleich aus.
Vor uns redet eine korpulente Rothaarige laut mir ihrem Ehemann. Ihr Kind sitzt am Rand des Grabes und quengelt. Sie holt ihr Handy aus der Tasche und redet ungeniert laut weiter: Wo bleibt’s ihr denn? Mia san scho do.
Ruhe, ruft Onkel Hans und schaut grantig zu ihr hin. Ich grinse. Es gefällt mir, dass er sie beanstandet.
Sie redet weiter. Er ruft nochmal Ruhe und sie packt ihr Handy weg.
Die Musikkapelle spielt, ich schaue zum Glockenturm der Friedhofkapelle.
Das weckt Kindheitserinnerungen.
Wenn ich traurig war, ging ich in den Friedhof, setzte mich auf eine Bank und weinte. Und der Blick auf den Glockenturm tröstete mich.
Manche Dinge bleiben.

Mir is nit guat, sagt Mama.
Ich gehe mit ihr zur Bank, auf der ich immer saß. Ich schaue zum Glockenturm und werde ruhig. Ich schaue Mama an und sehe ihre Traurigkeit. In einigen Jahren wird sie nicht mehr mit mir hier sitzen, denke ich. Ich verdränge den Gedanken.
Wir gehen jetzt heim, Mama. Die Blicke der Menschen folgen uns.
Mama legt sich auf die Couch, ich bringe ihr ein Glas Wasser. Nach einer halben Stunde kommen alle. Es gibt Kuchen und Kaffee wie jedes Jahr. Die Schwester hat sogar Vanillekipferl mitgebracht.
Ich esse zu viel wie jedes Jahr. Mama ist auch wieder guter Dinge. Ihr ist nicht mehr übel und und sie isst zwei Stück Kuchen.

Bevor ich heimfahre, gehe ich ins nahe Kaffeehaus. Onkel Hans ist schon da. Wir trinken jedes Jahr zu Allerheiligen ein Glas Wein mitsammen. Ein Ritual, ein schönes. Wir reden nicht viel.
Aber es tut gut, mit ihm hier zu sitzen.
Manche Dinge bleiben.

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Sonntag, November 01, 2009

multitasking


Nun war man ja immer der Meinung, dass multitasking was Tolles ist und wir Frauen, im Gegensatz zu den Männern, das alle sind.
Und nun ist es anscheinend so, dass das gar nichts Gutes ist.

Dabei war ich jahrelang die Königin des Multitasking!
Während ich frühstückte, räumte ich den Geschirrspüler aus, machte den Kindern das Frühstück und räumte die Küche auf.
Während ich die Wäsche zusammenlegte, richtete ich den Kindern die Schuljause, kontrollierte ihre Hausübungen und ließ mir das Einmaleins aufsagen.
Während des Autofahrens prüfte ich die Englischvokabeln ab, überlegte mir, was ich am nächsten Tag kochen würde und ging die Einkaufsliste durch.
Während ich im Bad war, rief ich den Kindern zu, ihr Zimmer aufzuräumen und das Turnsackerl nicht zu vergessen. Gleichzeitig wischte ich die Wasserspritzer vom Spiegel.

Diese Zeiten sind nun vorbei. Die Kinder richten sich das Frühstück und die Jause selbst und Turnsackerl brauchen sie auch keines mehr.
Aber ich kann immer noch gleichzeitig mit meiner Freundin telefonieren, Einkaufszettel schreiben, Englischhefte korrigieren und daran denken, was ich morgen koche.
Egal, was ich tue, gleichzeitig reden und diskutieren geht immer.
Ich glaube, dass das Reden bei uns Frauen in einer eigenen Gehirnkammer abläuft. Und darum fällt es uns so leicht, bei jeder Art von Arbeit auch gleichzeitig Gespräche zu führen, die durchaus tiefgründig sein können, wie: Ich glaube, das blaue T-Shirt passt besser zu deinen Augen als das grüne aber das grüne passt besser zum Halstuch, das du dir gestern gekauft hast.
Eine Ausnahme gibt es. Ich kann nicht gleichzeitig in Parklücken einparken und reden. Einparken kann ich nur mit gleichzeitigem Fluchen.
Ich kann das deshalb nicht, weil ich es nie tun muss und keine Übung darin habe. Wir am Land hier haben keine Parklücken! Wir haben nur Parkplätze, in die man nicht einparken, sondern nur drauf fahren muss.

Es ist eine Frechheit. Nun haben wir jahrelang geglaubt, dass es etwas gibt, wo wir den Männern überlegen sind und nun ist das plötzlich nichts. Das hat sicher irgendein Mann gesagt, ein Neider, ein ganz bösartiger.
Nun heißt es plötzlich, dass Multitasking zu Stress führt! Alles gleichzeitig zu tun heißt alles nur halb zu tun. Und Multitasking ist auf einmal unhöflich und egoistisch!
Na toll.
Ich frage mich, wie würden all die Millionen Haushalte mit Kindern, Haus und eigenem Garten funktionieren, wenn wir Frauen nicht hundert Dinge auf einmal tun und denken könnten. Vor die Hunde gehen würde das alles.
Trotzdem darf man die Männer nicht unterschätzen. Das wäre ungerecht. Auch Männer sind multitasking! Auch Männer können mehrere Dinge gleichzeitig tun.
Ein Mann kann zum Beispiel Fußball schauen, gleichzeitig sein Bier aufmachen und Kopfschütteln, wenn ihm die Ehefrau aus der Küche zuruft: Hast du schon den Müll rausgetragen?
Er kann auch kurze Sätze wie: Gleich, Schatzi, sagen und sich dabei den Bauch oder sonst was kratzen.
So ein großer Unterschied zwischen Mann und Frau besteht gar nicht. Jedenfalls nicht beim Multitasking.
Warum sonst würde Bill Connolly folgende Frage stellen: If women are so bloody perfect at multi-tasking, how come they can’t have a headache and sex at the same time?

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Samstag, Oktober 31, 2009

farbenfroh


Der graue Alltag
Eine weiße Weste tragen

Ins Blaue fahren

Sich grün und blau ärgern
Die Welt durch eine rosarote Brille sehen
Grün hinter den Ohren sein

Gold in der Kehle haben

Sich schwarz ärgern
Rot sehen

Vor Neid gelb werden


Im grauen Alltag tragen nur wenige eine weiße Weste. Sie fahren ins Blaue und ärgern sich beim ersten Stau grün und blau.
Könnte ich doch die Welt durch eine rosarote Brille sehen!
Doch manchmal bin ich noch grün hinter den Ohren obwohl ich kein Gold in der Kehle habe.
Manchmal ärgere ich mich schwarz weil ich rot sehe.
Aber selten werde ich vor Neid gelb.

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Dienstag, Oktober 27, 2009

da herr dokta


Nun hab ich einen Doktor in der Familie.
Endlich.

Doktor sagen wir in Österreich zum Arzt.
Wir sagen nicht: Heute muss ich zum Arzt. Nein, wir sagen: Heute muss ich zum Doktor.
Wenn ich Doktor hör, dann fällt mir der Winter ein. Der Doktor Winter samt seiner Frau, der Frau Doktor.
Bei uns kommst als Frau ganz leicht zu einem Doktortitel. Du heiratest. Einen Doktor. Und mit ihm den Titel.
Der Doktor Winter war ein stattlicher Mann mit Goldrandbrille. Über zwei Meter hoch mit einem dicken Bauch.
Normalweise fallen bei hohen Menschen Bäuche nicht sehr auf.
Das war beim Doktor Winter anders. Weil wenn du vor ihm standest, dann hattest immer den Bauch vor’m G’sicht mit dem baumelnden Stethoskop.
Ein Stethoskop ist für einen Doktor sowas wie seinerzeit für den Lehrer das Batzensteckerl. Da hast gleich einen ordentlichen Reschpekt bei den Leuten.
Der Doktor Winter war, anders wie sein Name vermuten lässt, immer braun gebrannt. Doktor Sommer wäre passender gewesen. Er war sehr gesprächig und redete niemals in der Mundart, immer hochdeutsch – das Deutsch halt, das wir Österreicher als Hochdeutsch bezeichnen.
Die Hochdeutschen sehen das sicherlich anders.
Trotz seines Hocheutsch redete er alle Patienten mit DU an. Ich weiß nicht, warum, aber ich kenne keinen Doktor, der seine Patienten siezt. Und wenn mich einer duzt, dann duze ich auch. Wo samma denn? Das wär ja noch schöner.

Auch mein derzeitiger Doktor duzt mich. Und ich ihn auch. Als ich wegen einer starken Erkältung das erste Mal bei ihm war, hat er mir seine ganze Lebensgeschichte erzählt, die so traurig ist, dass ich sie hier nicht wiedergeben kann. Sie ist so traurig, dass ich weinen muss. Und ich bin gerade nicht in Weinlaune. Außerdem kann ich nicht gleichzeitig tippen und weinen. Eine ganze Stunde erzählte er und ich wurde wahnsinnig traurig und fing zu weinen an. Am Anfang ging’s noch, aber am Schluss war ich nur noch Rotz und Wasser.
Gott sei Dank merkte er das nicht, weil ich ja so erkältet war.
Nach dem Erzählen machte er mir ein Kompliment: Du schaust aber auch gut aus für dein Alter und ich antwortete unter Tränen: Du auch. Aber weil er verheiratet ist mit Kindern ließ ich es dabei bewenden.
Außerdem genügt ein Doktor in der Familie.

Nun aber zurück zum Herrn Doktor Winter.
Anfang des Winters, und das ist nun Zufall,dass der Doktor auch so heißt, rotzen und husten dir die Schüler ständig ins G‘sicht und es erwischt mich jedes Jahr, dass ich die Sucht bekomme.
Sucht ist in dem Fall nicht Hochdeutsch sondern Pinzgaurisch, wird mit langem U ausgesprochen – Suuuuucht – und heißt übersetzt Erkältung.
Und weil du als Lehrer eh genügend Ferien, Zwickeltage und freie Nachmittage hast, bleibst du wegen so einer kleinen Suuuucht nicht daheim. Du schleppst dich in die Schule und gehst zum Doktor, damit er dir was gibt.
Der jetzige Doktor gibt mir dann immer eine homöopathische Spritze, die zwar nicht hilft, aber weil du daran glaubst, hilft sie doch.
Der Doktor Winter gab dir nichts Homöopathisches, wohl aber eine Spritze. Spritzen waren sein Markenzeichen.
Egal, was du hattest, eine Spritze musste sein.
Zwei Mal am Vormittag gab es Spritzentermin. Einmal für die Frauen und einmal für die Männer. Massenspritzung.
Ich war jeden Winteranfang bei einer dabei. Bei der der Frauenmassenspritzung. Das war ein Erlebnis!
Die Pensionisten und Pensionistinnen des Dorfes, kamen jeden Vormittag auf ein Rheumaspritzerl, ein Herzspritzerl oder ein Bluthochdruckspritzerl .
Ich kam nicht jeden Vormittag, aber jeden Winteranfang. Wegen dem Suuuchtspritzerl. Punkt zehn Uhr war es soweit.
Der Herr Doktor riss die Tür zur Ordination auf, nahm seine goldene Brille von der Nase und rief laut in den Warteraum: Liebe Damen, hereinspaziert zum Spritzen!
Und dann marschierten alle Damen hinein, stellten sich in Reih und Glied auf, hoben ihre Kitteln mit einer Hand hoch, schoben die Strumpfhose und das Unterhoserl - einige auch das Unterhoserlzelt hinunter - und gackerten.
Ich vergaß jedes Mal zu husten und zu niesen und stellte mich immer ganz hinten in die Ecke.
Und dann ging es los. Der Herr Doktor zückte ein Spritzerl nach dem anderen, ging zur ersten in der Reihe, sagte verschmitzt: Raus mit dem Popscherl, das hamma gleich.
Die Frauen piepsten leise aua.
Sodala, schon vorbei, sagte der Herr Doktor und gab jeder zum Abschluss noch einen Klaps auf’s Popscherl. Fertig. Raus. Die nächste.
Ganz zum Schluss kam ich dran. Mir klapste er nicht auf’s Popscherl. Sein Glück. Ich hätt ihm sonst auch wo draufgeklapst. Und die goldene Brille wär dann zwar noch golden gewesen, aber nicht mehr auf seiner Nase, sondern zerquetscht am Boden.
So, Amadeaerl, das war’s. Hast eh nichts gespürt?
Na, passt schon, pfiati. Und weg war ich.
Und nach zwei Stunden die Suuucht auch.

Nun ist der werte Herr Sohn auch Doktor. Und wie es sich gehört, hatten wir Promotion. In Innsbruck. Und er musste schwören, den Eid, den hippokratischen, und er strahlte weil er nun Doktor ist und ich auch, weil ich nicht mehr zahlen muss. Und ich klatschte und knipste und war stolz. Und der Exmann war auch da. Und der klatschte und knipste auch. Und war auch stolz. Nach dem Essen las ich noch ein Gedicht vor. Eins vom Wilhelm Busch.

Nun hab ich einen Doktor in der Familie. Unfallchirurg wird er. Da muss ich noch mal reden mit ihm. Ich bin für Schönheitschirurg. Bin ja in dem Alter…

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Montag, Oktober 26, 2009

zitronenhuhn



Nein, die Fliegen kamen nicht von dem Zitronenhendl, das ich zwei Wochen lang im Rohr vergessen hatte. Ja, da war etwas Schimmel, aber nur ein bisschen.
Eigentlich waren es ja keine Fliegen, es waren Motten. Ein paar Maden waren auch dabei. Nein, nicht viele. Außerdem sollen die ja gesund sein, nicht wahr? Eiweiß und so.
Die Motten schwirrten schon einige Tage in der Küche herum. Klar kamen die von den getrockneten, italienischen Tomaten. Ausländisches Zeug.
Sag eh immer, kauf österreichische Qualitätsprodukte. Naja, zwanzig Kilo Mehl, Polenta, Hirse, Couscous und Haferflocken wanderten in den Müll.
Nein, es war nicht schlimm, das Hendl zu entsorgen. Ich warf es einfach mitsamt dem Behälter in die Mülltonne. War ja nur ein bisserl Schimmel drauf. Und außerdem ging das Putzen dann in einem Aufwaschen.
Gleichzeitig räumte ich auch den Kühlschrank aus und entsorgte die angeschimmelten Birnen, Paprika und die seit August abgelaufene Buttermilch. Das ging alles ganz schnell. In drei Stunden hatte ich das.
Der Küchenschrank ist jetzt so schön leer. Und der Kühlschrank auch.
Nein, Schweindl bin ich keines. Aber wenn du das Zitronenhendl nachkochen willst, hier ist das Rezept.
Aber das sag ich dir, italienische Tomaten kommen mir nicht mehr ins Haus. Die sind alle mottenverseucht.

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